Auf der Suche nach Sammler und Fundort einer unbekannten Garnele

    Wir saßen seit einiger Zeit an einer Arbeit über Garnelen aus Papua Neu Guinea. Für vergleichende Untersuchungen wurden uns vom ZMB (Berlin) freundlicherweise Exemplare aus einer früheren Sammlung überlassen. Der Behälter 17166 war bezeichnet mit "Caridina sarasinorum, Deutsch-Neuguinea". Weitere Angaben fehlten leider. Später wurde noch der mit "Burgers" angegebene Name des Sammlers in Erfahrung gebracht. Natürlich handelte es sich keinesfalls um Caridina sarasinorum. Die kommt endemisch in Sulawesi vor und hat demnach nichts in Papua Neuguinea zu suchen. Vielmehr schien es sich wieder einmal um eine neue, noch unbeschriebene Art zu handeln.

    "Deutsch-Neuguinea", die Sammlung mußte wohl vor 1914 erfolgt sein. Bis 1919 war der nordöstliche Teil Neuguineas als "Kaiser Wilhelmsland" mit dem angrenzenden Bismarck-Archipel deutsche Kolonie bzw. Bestandteil der deutschen Schutzgebiete. Mit Ausbruch des ersten Weltkrieges fanden keine Expeditionen mehr statt. In der cirka 30jährigen deutschen "Schutzzeit" Neuguineas waren einige Expeditionen erfolgt, die aber in erster Linie geografische, wirtschaftliche oder auch ethnologische Ziele verfolgten. Eine sehr gute Übersicht aller wichtigen Expeditionen fand sich in einer jüngeren Dissertation über die Sammlungen eines deutschen Seeoffiziers [1].

    Welche Expedition ?
    Wir suchten eine Expedition vor 1914, die sich auch zoologischen Sammlungen widmete. Ein "Burgers" müßte als Teilnehmer dabeigewesen sein, von dem die vorliegenden Garnelen stammten und es sollte sich auch ein Bezug zu einem Berliner Museum herstellen lassen können.

    Am naheliegendsten war da die große Sepik-Expedition in den Jahren 1912-1913. Die "Kaiserin-Augusta-Fluss-Expedition" wurde vom Reichskolonialamt, den Königlichen Museen und der Deutschen Kolonialgesellschaft durchgeführt. Neben den üblichen geografischen und geologischen Untersuchungen erfolgten auch Sammlungen der Tier- und Pflanzenwelt. Die ethnografische Sammlung befindet sich bis heute überwiegend im Berliner Völkerkundemuseum.

    Der Sepik zählt mit einer Länge über 1.100 km zu den großen Flusssystemen der Welt und ist wohl einer der größten Süßwasserreservoire im Indopazifischen Raum. Die Sepik-Expedition erforschte den Fluß und dessen angrenzende Umland bis auf einer Länge von cirka 400 km flussaufwärts.

    Wer war Burgers ?
    Erstaunlicherweise waren relativ wenig Puplikationen über diese sicher umfangreiche Expedition zu finden. Wie sich später bestätigte, war dies eine Folge des einsetzenden I.Weltkrieges und dessen bekanntem Ausgang. Die Suchmaschine lieferte als verwertbare Ergebnisse insbesondere die Berichte von Walter Behrmann, die er zwischen 1917-1927 veröffentlichte. Als Geograph befaßte er sich in seinen Arbeiten natürlich in erster Linie mit seinem Arbeitsbereich. Trotzdem war zu hoffen, in den Berichten Hinweise auf die Teilnehmer und den Reiseverlauf zu finden. Die Preise für die die Originalausgaben erwiesen sich mit 115€ - 465€ je nach Werk [2-4] leider als unerschwinglich. Eine gezielte Recherche ergab erfreulicherweise, dass es z.B. für [2] ein deutlich preiswerteres Faksimile gab. Erstaunlich, scheinbar muß es außer mir noch ausreichend Interessenten für solche Werke geben. Schnell war die Ausgabe geordert und gespannt wartete ich auf dessen Ankunft.

    Die weitere Suche ergab, dass der Forscher "Dr. Friedrich Burger" zur gleichen Zeit 1910-1912 in der Gegend weilte. Neben geologischen Untersuchungen schien er sich wohl mit Völkerkunde zu beschäftigen. Also eventuell "Burger" statt "Burgers"? Von Friedrich Burger schienen keine wissenschaftlichen Arbeiten direkt verfügbar zu sein. Dafür aber eher Schriften im Format von Abenteuerromanen wie "Aus Neupommerns dunklen Wäldern" von 1925 [5]. Dieses Werk war im Original günstig zu bekommen und kam auch bald bei seinem neugierigen Leser an. Im Vorwort führte Friedrich Wenker wichtige Expeditionen auf, verzichtet aber auf eine Erwähnung der Sepik-Expedition 1912/1913. Er beendet hier seine Aufzählung mit der fünftägigen Reise der "Cormoran" im November 1909. Nach seinen Worten war das Arbeitsgebiet von Dr. F. Burger die südöstlichen Molukken, die Insel Bougainville und Friedrich Burger
    Neupommern, die er im Auftrag des ethnographischen Lindenmuseums Stuttgart bereiste. Und auch Friedrich Burger selbst gibt in seinem wirklich vergnüglich zu lesenden Reisebericht in die Bainingberge auf der Halbinsel Gazelle in Neupommern keinen Hinweis auf eine spätere Teilnahme an der Sepik-Expedition. Obwohl er neben seinen abenteuerlichen Erlebnissen mit den Eingeborenen auch oft Hinweise auf Fauna und Flora einbindet, fehlen jegliche Hinweise auf die Bewohner der Flüsse. Dies ist umso erstaunlicher, da seine Gruppe mehrmals "Weiber am Flusse mit langen, geknüpften Netzen.." erwähnte. Aber wo liegt eigentlich dieses "Neupommern"? Nun, die Insel umschließt das Bismarck-Archipel, heißt heute sinnigerweise "New Britain" und gliedert sich in eine westlichen und östlichen Teil mit der Halbinsel Gazelle. Deren Name stammt übrigens vom deutschen Kriegsschiff, von dem aus erste Landvermessungen vorgenommen wurden.


    Burgers war Bürgers !
    Friedrich Burger konnte wohl nicht der gesuchte Sammler sein. Die Lösung brachte das erwartete Faksimile von Walter Behrman [2]. Im Vorwort ging er auf die Umstände ein, die eine zeitnahe Veröffentlichung verhinderten, das Werk war unter dem Einfluß des Krieges entstanden. Auf den cirka 100 Seiten beschreibt er ausführlich den Verlauf der Reise und gibt neben geologischen Beschreibungen detailierte Berichte über den Sepik und allen befahrenen Nebenflüssen. Leider enthält es keinerlei Hinweise auf zoologischen Sammlungen. Allerdings kann man in seiner Einleitung lesen: "Der Arzt, Herr Privatdozent Dr. Bürgers, widmete sich, soweit seine ärztliche Tätigkeit es zuließ, zoologischen Studien."
    Weitere Teilnehmer der unter Leitung von Stollé stehenden Expedition waren u.a. Ledermann (Botanik) und Dr. Roesicke (Ethnologe). Später kam Dr. Thurnwald als weiterer Ethnologe dazu. Der Ingenieur Schatteburg erlitt während der Expedition einen tödlichen Hitzeschlag, nach seiner Grabstelle wurde das Schatteburg-Gebirge benannt. Nun, Dr. Bürgers schien unser Mann zu sein. Die Zeit paßte und einen Bezug zu Berliner Museen hatte die Expedition auch. Und er war quasi der Zoologe innerhalb der Mannschaft. Die Suche konnte nun weiter eingegrenzt werden, ergab aberanfangs keine greifbaren Ergebnisse, bis ich dann eher zufällig auf zwei Arbeiten von Glenn & Greer [6, 7] über Skinke aus Neuguinea stiess. Die beiden Arbeiten enthielten folgende Vermerke:

    Walter Behrmann
    "Vogt's paper is largely based on a collection made about the Sepik River in the then German New Guinea by Dr. Burgers during 1912-13, with several ..."
    "Lygosoma albodorsale Vogt, 1932 was described in a paper based largely on a collection made by Bürgers in 1912–1913 from the Sepik River region (as Kaiserin-Augustaflusse) but with a few specimens from other sources."

    Aus Bürgers war ein fremdsprachlich besser verständliches Burgers geworden. Und Herr Vogt schien also 1932 auf der Basis von Dr. Bürgers Sepik-Sammlung Skinke beschrieben zu haben. Einer davon erhielt sogar den Namen des Sammlers: Burgers Emo Skink, Papuascincus (Lygosoma) buergersi. Glücklicherweise war die Arbeit per subito problemlos zu beschaffbar. Skinke leben zwar nicht im Wasser, aber ich erhoffte hier weitere Hinweise über die gesamte Sammlung von Dr. Bürgers, die sich dann aber nicht bestätigt haben. Vogt erwähnt anfangs die Expedition, deren Dauer und "...die zoologische Ausbeute verdanken wir dem Arzt der Expedition Dr.Bürgers." Bei den Beschreibungen selbst werden keine Fundortangaben gemacht, was mich sehr verwunderte.
    Auch wenn Dr. J. Bürgers keine Arbeiten über die Expedition selbst veröffentlich zu haben scheint, fanden sich später einige weitere Spuren seines Wirkens. Aus dem Bereich der Ornithologie sind Arbeiten über Neuguineas Vogelwelt bekannt, aus dem ZMB stammt eine Arbeit über Insekten [9] mit dem Hinweis "..is described on the basis of historical material from the Kaiserin Augusta Fluss Expedition to New Guinea in 1912." Selbst ein Streifenbeutelmarder trägt seinen Namen. Die Unterart Phascogale melas bürgersi wurde 1932 von Stein beschrieben und von J. Bürgers am Meanderberg in der Nähe des April River gefunden [10], wobei selbst die Geo-Daten nicht fehlten.
    Diese Spuren habe ich bislang nicht weiter verfolgt. Erwähnenswert erscheint mir noch der Hinweis, dass es in Papua Neu Guinea einen Berg gibt, der noch immer seinen Namen trägt. Der Burgers Mount oder Burger Mountains liegt südlich des Sepik im Zentralgebirge und soll eine Höhe von über 2.400 m erreichen, andere Quellen geben gar 3.662 m an. Cirka 50 km weiter westlich erhebt sich auch der Roesicke Mountain mit einer Höhe von 2.199 m (2.870 m).


    Status
    Die entsprechende Expedition und der Sammler der Tiere konnte identifiziert werden. Nach fast 95 Jahren schon ein kleiner Erfolg bei den wenigen vorliegenden Angaben. Die Tiere stammen zumindest aus dem Sepik oder einem seiner Nebenflüsse. Ich hoffe natürlich noch immer, dass zumindest der ungefähre Fundort der Tiere ermittelt werden kann, da zumindest eine Quelle Geodaten anführt. Etwas verwirrend war, dass die ZMB 17166, mit der unsere Garnelen bezeichnet waren, in einer Arbeit [11] auch für den parasitären Zungenwurm Raillietiella shipleyi erwähnt wird: "Both (ii) and (iii) were loaned from the Berlin. Zoological Museum (Reg. Nos. ZMB 17165 and. 17166 respectively). Das konnte jedoc schnell aufgeklärt werden, je Sparte hat ihre eigene Bezeichnung. So kam es, das zum Beispiel die Parasiten und unsere Garnelen die gleiche Nummer erhielten.


    Literatur:
    [1] Silke Olig, 2006
    ZEICHEN AM SEPIK, Die Neuguinea-Sammlung des Seeoffiziers Joseph Hartl von 1912 und 1913 im Staatlichen Museum für Völkerkunde München
    als semiotischer Untersuchungsgegenstand Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

    [2] Behrmann, Walter, Dr., 1917
    Der Sepik (Kaiserin-Augusta-Fluss) und sein Stromgebiet – Geographischer Bericht der Kaiserin-Augusta-Fluss-Expedition 1912-13 auf der Insel Neuguinea
    Ergänzungsheft Nr. 12 zu: Mitteilungen aus den Deutschen Schutzgebieten. Mit Benutzung amtlicher Quellen herausgegeben von Dr.H.Marquardsen. Berlin

    [3] Behrmann, Walter, Dr.,1922
    Im Stromgebiet des Sepik - Eine deutsche Forschungsreise in Neuguinea
    August Scherl GmbH, Berlin

    [4] Behrmann, Walter, Prof. Dr., 1927
    Das Zentralgebirge Neuguineas im westlichen Kaiser Wilhelmsland
    35.Band zu: Mitteilungen aus den Deutschen Schutzgebieten. Mit Benutzung amtlicher Quellen herausgegeben von Hans Meyer, Albrecht Penck, Paul Staudinger, Berlin

    [5] Dr. Friedrich Burger, 1925
    Aus Neupommerns dunklen Wäldern, Erlebnisse auf einer Forschungsreise durch Neu-Guinea
    Verlag Köhler, Minden

    [6] Glenn M. Shea, Allen E. Greer, 1999
    Two Senior Synonyms and a Name Change for the New Guinea Skink Sphenomorphus stickeli (Loveridge, 1948)
    Journal of Herpetology, Vol. 33, No. 1 (Mar., 1999), pp. 136-141

    [7] Glenn M. Shea, Allen E. Greer, 2002
    From Sphenomorphus to Lipinia: Generic Reassignment of Two Poorly Known New Guinea Skinks
    Journal of Herpetology, Vol. 36, No. 2, pp. 148–156, 2002

    [8] Vogt,T., 1932
    Beitrag zur Reptilienfauna der ehemaligen Kolonie Deutsch-Neuguinea
    Sitzungsber. Gesell. Naturf. Freunde, Berlin 5-7: 281-294

    [9] Wolfram Mey, 2006
    Chimarra guentheri sp. nov. - a new species from New Guinea (Insecta, Trichoptera)
    Mitteilungen aus dem Museum für Naturkunde in Berlin - Zoologische Reihe
    Volume 82, Issue 2 , Pages 261 - 263

    [10] P.A. WOOLLEY, 2005
    Revision of the Three-striped Dasyures, Genus Myoictis (Marsupialia: Dasyuridae), of New Guinea, With Description of a New Species
    Records of the Australian Museum (2005) Vol. 57: 321–340

    [11] J. H. Ali, J. Riley and J. T. Self, 1985
    A review of the taxonomy and systematics of the pentastomid genus Raillietiella Sambon, 1910 with a description of a new species
    Systematic Parasitology Volume 7, Number 2: 111-123

    hilfreiche Links:
    Deutsches Kolonial-Lexikon
    Herausgegeben von Heinrich Schnee, Leipzig, Quelle & Meyer 1920. - 3 Bände

    Deutsche Schutzgebiete: Deutsch- Neuguinea

    AK im Februar 2008