Bestimmungsmöglichkeiten von Zwerggarnelen

    Allgemeines
    Oft wird noch immer von äußerlichen Farbmerkmalen ausgegangen, wenn es sich um die Artzuordnung oder der Vergabe von Trivialnamen von Süßwassergarnelen handelt.
    Leider sind makroskopische Merkmale wie etwa die Körperzeichung für eine Artbestimmung gänzlich ungeeignet bzw. unbrauchbar.
    Der oft als Gegenstand von Trivialnamen herangezogene sogenannte "Rückenstrich" ist beispielsweise bei vielen Arten (und Gattungen) vorhanden,
    in seiner Ausprägung sehr oft stimmungsabhängig, bei einigen Arten gar nur auf ein (in der Regel weiblichem) Geschlecht beschränkt.

    Zur möglichst genauen Artzuordnung bzw. Bestimmung müssen Körpermerkmale und deren Proportionen zueinander betrachtet werden,
    deren Untersuchung nur mit einem guten Mikroskop möglich ist. Nach Feststellung dieser Merkmale sind diese mit den Angaben aus der
    wissenschaftlichen Literatur zu vergleichen. Diese bezieht sich bei Süßwassergarnelen in der Regel auf Exemplare eines bestimmten
    Untersuchungsgebietes. Da bei den aquaristisch relevanten Tieren in der Regel Angaben zur entsprechenden Herkunft fehlen, ist eine
    solche Untersuchung immer ein kriminalistisches Puzzlespiel mit offenem Ausgang.
    Grundvoraussetzung sind selbstverständlich Kenntnisse über den Körperaufbau von Garnelen.

    Grundsätzlicher Körperaufbau

    Der Körper gliedert sich 19 Segmente, die alle im Prinzip (zumindest ursprünglich) ein Gliedmaßenpaar tragen, auch wenn diese
    oft nicht mehr als solche erkennbar sind.

    Wichtige Bestimmungsmerkmale in grober Übersicht

    • Rostrum, Carapaxwinkel und Stylozerit

      Das Rostrum gilt als ein sehr wichtiges Merkmal zumindest für die grobe Zuordnung zu einer bestimmten Artengruppe.
      Hier sind insbesondere die dorsale und ventrale Bezahnung, eventuell vorhandene Zähne auf dem Carapax, Lage und Form der
      Zähne sowie die Länge und Form des Rostrums wichtig. Auch das Längenverhältnis zum Carapax wird oftmals betrachtet.
      Es können grob drei Längen unterschieden werden:
      - kurz bis zum 1.-2. Segment der Antennenbasis
      - mittel zwischen 2.-3. Segment der Antennenbasis
      - länger als das 3. Segment der Antennenbasis

      Bei einigen wenigen Arten ist die Rostrumlänge scheinbar auch geschlechtsspezifisch.
      Viele Artengruppen tragen Zähne auf dem Carapax, andere dagegen nie. Die Lage der Zähne (gleichmäßig, nicht im vorderen Drittel etc.)
      kann ebenfalls wichtige Hinweise auf die Artengruppe liefern.
      Bei einigen Arten befindet sich an der äußersten Spitze zusätzliche "supapikale" Zähne.
      Rostrumformel
        Während viele Arten deutlich ausgebildete Zähne besitzen, haben andere nur sehr klein
        entwickelte. Auch sind bei einigen Arten kleine Härchen zwischen den Zähnen bekannt,
        die anderen Arten wiederum fehlen. Nur wenige Arten tragen ein gänzlich unbezahntes Rostrum.
        Leider ist auch die Bandbreite bezogen auf Länge und Bezahnung innerhalb einer Art sehr variabel. Daher wurde schon recht früh eine Rostrumformel festgelegt, auf die sich in Beschreibungen aber gelegentlich unterschiedlich bezogen wird.

      Rostren von japanischen C. typus, C. japonica und C. grandirostris (mit zwei supapikalen Zähnen)

      Wie in den vorstehenden Abbildungen bereits deutlich wird, kann die Form des Pterygostomialwinkels bei den verschiedenen Arten unterschiedlich ausgebildet sein.
      Oft ist er rund oder leicht spitz ohne Dorn. Bei anderen Gruppen und vielen (aber nicht allen) Neocaridina trägt er einen kleinen Dorn.
      Bei einigen Arten kann ein Dorn vorhanden sein oder fehlen.

      langes Stylozerit C. serrata und normales von C. bamaensis

      Die Länge des Stylozeriten spielt insbesondere bei den aquaristisch stark verbreiteten Arten aus der "serrata"-Gruppe eine wichtige Rolle.
      Sie ist eines der wichtigsten Merkmale dieser Artengruppe.

    • Schreitbeinpaare (Peraeopoden)

      Bei den ersten beiden Beinpaaren sind insbesondere die Größenverhältnisse Dactylus zu Palm, die Proportionen des Palm sowie des Carpus von Interesse.

      Neben den Proportionen des Propodus und ggf. Carpus sind bei den 3. und 5. Beinpaaren die Längenverhältnisse des Dactylus zum Propodus
      sowie dessen Bedornung der Innenseite wichtig. Am Dactylus des 5. Beinpaares kann diese beispielsweise je nach Art zwischen <30 bis >80
      variieren. Auch die Bedornung des Propodus sollte bei einer Untersuchung beachtet werden.

      Am 3. Dactylus kann zwischen einer einzelen Endkralle oder einer Doppelkralle unterschieden werden. Gelegentlich ist diese auch nur geschlechtsspezifisch vorhanden.

      Doppelkralle P3 bei C. temasek, Einfachkrallen P3 bei C. burmensis und P5 bei C. serrata

      Die Proportionen des Dactylus am 5. Beinpaar können zwischen den Arten deutlich variieren.


      P5 C. temasek

      P5 C. japonica

      Epipoden und Branchiopoden
      am 4.Beinpaar C. temasek

      Einige Arten lassen sich nur schwer anhand der bisher vorgestellten Merkmale voneinander abgrenzen. Das Vorhandensein von Epipoden
      an den Schreitbeinpaaren dient hier als eine weitere, wenn auch für ungeübte Augen nur schwer zu erkennende Eigenschaft.
      Gelegentlich sind diese Merkmale auch "ko"-Kriterium bei der Zuordnung.
      Artspezifisch können diese Anhänge an den 1.-4. Beinpaaren gänzlich fehlen, vorhanden oder nur schwach entwickelt sein.

    • Schwimmbeinpaare (Pleopoden)

      Die Schwimmfüße enden in feinen Ästen, den Endopoden und länglichen Exopoden. Gerade die Ausformung der Endopoden des ersten Schwimmbeinpaares männlicher Tiere stellen bei Caridinen ein wichtiges Artunterscheidungsmerkmal dar. Es sind im sozusagen die
      Begattungsorgane, mit denen bei der Paarung Samenpakete an der Partnerin angeheftet werden.


      Form der 1. Pleopoden innerhalb der "serrata"-Gruppe

      Bei anderen Gattungen, wie etwa der amerikanischen Potimirim, sind im Gegensatz die Endopoden der zweiten Schwimmfüsse männlicher Tiere interessant.


      2. Pleopoden von P. americana (links) und P. mexicana (rechts)

    • Uropodial diaresis - Uropodenfalte

      Am letzten Segment befindet sich eine Hornschuppe am äußeren Rand der Uropoden (Schwanzfächer), das Uropodial diaresis.
      Diese Hornschuppe trägt ebenfalls Dornen, deren Bandbreite zumindest auf eine Artengruppe schließen kann.


      Unterscheidungkriterien nach Bouvier

      Bei einigen Artengruppen ist auch die Ausbildung der Dornen von Interesse, so ist der letzte Dorn bei der "serrata"-Gruppe beispielsweise
      oft recht kräftig ausgebildet.


      Uropodial diaresis C. serrata

    • Telson

      Das eigentliche Schwanzstück Telson trägt auf der dorsalen (oberen) und distalen (Rand) Seite eine Reihe von Dornen. Beide sind in der Regel paarweise angeordnet, doch sind oft auch unpaare Einzeldornen zu finden. Zu den dorsalen Dornen zählt auch das kleine Dornenpaar am
      Telsonrand, es wird aber bei der Angabe der Dornenpaare meist separat angeführt. Ähnliches gilt auch für den Mittelzahn, der klein oder kräftig,
      aber auch fehlen kann. Ebenfalls ist die Form des Telsonrandes zu beachten, die rund bis dreieckig sein kann.


      Telson C. medifolia


      Telsonrand C. serrata, C. temasek, C. elliptica

    • Maxillipeden

      Vom Körperaufbau gehören die Maxillipeden eigentlich an den Anfang dieser Aufzählung. Sie sind allerdings deutlich schwerer zu untersuchen
      als die übrigen erwähnten Merkmale und bislang nur bei einigen Arten von Relevanz.
      Hier insbesondere bei der Unterscheidung zwischen den Gattungen Caridina, Neocaridina und Sinodina.
      Von Interesse sind hier insbesondere die Anhänge.

      Anhänge bei C. multidentata und N. heteropoda/ Foto W. Klotz

    Fazit
    Garnelen sind nicht über makroskopische Merkmale wie Körperfärbung oder Zeichung bestimmbar!
    Zur exakten Zuordnung bedarf es der mikroskopischen Untersuchung möglichst vieler Exemplare bzw. Exuvien.
    Nach der Ermittlung der Merkmale bzw. Körperproportionen muß ein Vergleich mit den Angaben aus der wissenschaftlichen Literatur erfolgen.
    Diese ist teilweise nur schwer (oder auch nicht), u.U. nur mit relativ hohen Kosten beschaffbar und in der Regel fremdsprachig (auch chinesisch).
    Teilweise widersprechen sich die Literaturquellen auch in ihren Angaben bzw. beziehen sich auf frühere, inzwischen aber revidierte Berichte.
    Jeder Zuordnungsversuch hat daher etwas von langwieriger Puzzle-Arbeit. Und der Erfolg ist nicht nicht immer sichergestellt, da entweder
    Fundortangaben fehlen, nur einzelne weibliche Tiere vorliegen oder es sich um eine scheinbar neue Art handelt, über der zumindest in der
    verfügbaren Literatur keine Angaben zu finden sind.
    Und auch die Wissenschaft irrt gelegentlich, wie beispielsweise die Ergebnisse von untersuchten "Bienengarnelen", "Crystal Red" und "Tigergarnelen" zeigen, die jeweils drei verschiedenen Arten zugeordnet wurden.
    Was aber nur die Schwierigkeiten der Artenzuordnung nach rein morphologischen Merkmalen bestätigt.


    aktualisiert im November 2007